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ABTEI : BUCHBINDEREI

Die Skriptorien der mittelalterlichen Klöster haben Buchgeschichte geschrieben. In ihnen entstanden oft herrliche Abschriften der Heiligen Schrift und der Vätertexte, die man zum Studium brauchte. Die frühen zisterziensischen Gebräuche regeln unter anderem auch die Arbeit der Schreiber im Skriptorium. Diese Handwerker mussten umfassende Kenntnisse in der Kunst der Buchherstellung besitzen. Ihnen fiel es zu, die Felle der Tiere zu bearbeiten und das daraus entstandene Pergament zuzurichten. Sie mussten die Bögen zuschneiden und falzen, den Schriftspiegel ausmessen und die Linien kenntlich machen.

Für die zum Schreiben notwendige Tinte und Farbe waren sie ebenfalls zuständig. Zu ihren Aufgaben gehörte schließlich das Binden der fertig geschriebenen und verzierten Texte. Dazu mussten die meist hölzernen Buchdeckel zugeschnitten, das Leder zum Einschlagen des gehefteten Buchblocks vorbereitet und die Schließen und Ecken zum Schutz des wertvollen Buches hergestellt werden. Aus dem ersten Marienstatter Skriptorium sind unseres Wissens keine Bücher mehr erhalten. Das im Jahr 1689 begonnene Rechnungsbuch der Abtei hingegen besitzt einen zeitgenössischen Einband, der allem Anschein nach auch in Marienstatt entstanden sein dürfte.

Wie damals allgemein üblich, wurde das sehr widerstandsfähige und robuste Pergament einer alten Handschrift - in unserem Fall einer liturgischen Notenhandschrift - kurzerhand zweckentfremdet und als Einbandmaterial des viel benutzten Rechnungsbuchs weiter verwendet. Die Vielzahl der erhaltenen Handschriftenfragmente, die als Ausgleich auf Buchdeckel geklebt wurden oder den Buchrücken verstärken mussten, weist auf eine rege "Nutzung" ausgedienter Handschriften hin.

Das Marienstatter Rechnungsbuch des 17. Jahrhunderts ist leider das einzige Beispiel heimischer klösterlicher Buchbindekunst, das sich in Marienstatt noch ausmachen lässt. Die Wiederbesiedlung im Jahre 1888 und der Eintritt von gut ausgebildeten Konversen - Laienbrüdern ohne Mönchsgelübde und spezifisch monastischen Verpflichtungen - steht somit am Anfang einer neuen Blüte der Buchkunst in Marienstatt. Im Jahre 1899 trat der gelernte Buchbinder und Buchdrucker Ludwig Götz in Marienstatt ein, der bei seiner Einkleidung den Namen "Bruder Joseph" erhielt. Bis zu seinem Tod am 10. Oktober 1957 hat er mit Präzision, handwerklichem Können und geschmackvoller Kunstfertigkeit die damals neu angeschafften Standardwerke eingebunden: zahlreiche Bände der lateinischen Kirchenväter, die große Ausgabe der Encyclopédie théologique des französischen Gelehrten Jacques-Paul Migne, die verschiedenen Zeitschriften und Reihen und viele Monographien.

Die Geschichte der Buchbinderei in Marienstatt ist nicht lückenlos zu rekonstruieren. Die jüngste Vergangenheit nach dem Tod von Br. Joseph ist demnach auch ein Spiegel für die Entwicklung der Gemeinschaft in Marienstatt. Da die Konversenberufung als nicht regelkonform wegfallen musste und eine adäquate Lebensform nicht gefunden wurde, war der Zisterzienser und Vollhandwerker eine nur noch schwer einzuordnende Berufung. Außerdem schlossen sich weniger junge Menschen der Gemeinschaft an. So konnte die Buchbinderei viele Jahre nicht genutzt werden, bis Ende 1998 wieder ein ausgebildeter Buchbinder die Werkstatt übernommen hat.


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